Ich werde sterben.

So wie eine Kerze irgendwann abgebrannt ist, werde ich auch auch eines Tages feststellen, das kein Wachs mehr vorhanden ist um den Docht am Leuchten zu halten. Wann dieser Tag sein wird, wer weis das schon genau. Meine Kerze ist, zumindest statistisch, bereits zur hälfte abgebrannt. Danach wird das große schwarze Nichts kommen. Schluss, aus, vorbei. Over and Out. Statistisch hab ich jetzt Halbzeit und doch kann es jeden Augenblick soweit sein. Ein Autounfall, ein Sturz, es kann schnell gehen oder lange dauern. Wer weis das schon mit Gewissheit. Gewiss ist nur das der Tag kommen wird.
In der DDR aufgewachsen, ohne Religion und ohne Götter, ist der Glaube an ein Leben nach dem Tode etwas fremdes, nicht Sinn ergebendes. Es macht das jetzige Leben wesentlich wertvoller. Warum sonst sollte man sich in diesem Leben für irgendwas anstrengen wenn es doch danach noch eines gibt? Wieso haben eigentlich die, die an ein Leben nach dem Tod glauben, mehr Angst vorm sterben, als Atheisten? Ich selbst habe keine Angst davor. Im Gegenteil. Ich bin in diese Welt gesetzt worden ohne gefragt zu werden und glaube das beste daraus gemacht zu haben. Ich kann wieder aus dieser Welt scheiden ohne Angst haben zu müssen, das man etwas schlechtes über mich sagen kann. Zumindest die, die mich kennen, werden dies nicht tun. Das hoffe ich zumindest. Aber mal ehrlich, wenn ich nicht mehr da bin, kann es mir ja auch egal sein. Danach werde ich meine Ruhe haben und ihr vor mir. Je älter man wird, und ab der Halbzeit werden die Tage dahin kürzer, desto gelassener wird man. Die unabdingbarkeit dessen wird einem immer bewusster und auch das es unvermeidlich ist.
Viele Menschen streben nach Anerkennung zu Lebzeiten um sich darin sonnen und rühmen zu können. Geld, Ansehen, Wohlstand. Man strebt das ganze Leben danach um in den letzten Tagen zu erkennen, das man nichts davon mitnehmen kann, das man weder die Menschen kennt, noch die Menschen einen selbst. Sie kennen nur die Art des Ansehens. Dies zu kennen ist jedoch meistens nur einem kleinen Kreis vorbehalten. Es ist die Art von Menschen die von einem profitiert haben und man selbst gleichzeitig von ihnen profitierte. Die Masse der Menschheit jedoch kennt einen nicht oder kaum. Unsterblichkeit zu Lebzeiten ist nur wenigen vorbehalten, jedoch scheinen alle danach zu Streben. Man will unsterblich werden ohne großartig etwas zutun. Sie beschränken sich auf das träumen davon ohne sich Gedanken zu machen was man tun könnte.
Früh aufstehen, zur Arbeit gehen, abends nach Hause, etwas essen, TV klotzen, schlafen. Dazwischen wird der Alltag etwas aufgebessert. Man geht mit Freunden weg, in ein Restaurant essen, vielleicht tanzen, Mädels oder irgendwelche Typen abbaggern. Man vertreibt sich halt die Zeit ohne zu erkennen das man die Zeit nicht vertreiben kann.
Ich habe das früher auch alles ständig getan. Einfach des Spaßes wegen. Ohne aufs Geld zu schauen. Wie meine Leserschaft ja weis, habe ich immer genug verdient um mir das erlauben zu können. Und ja, es hatte Spaß gemacht. Doch heute, so ich die Welt gesehen habe, Menschen kennengelernt habe und weis, oder zumindest glaube, wer welches Spiel spielt, kann ich diese Art des Spaßes nicht mehr genießen. Es schmerz mich immer sehen zu müssen, wie Ressourcen, Wissen und Menschen sinnlos verschlissen werden damit andere Spaß haben können. Und heute fällt es mir schwer ebenfalls noch diese Art von Spaß zu haben.
Wie kann ich Spaß haben, wenn nur 15km von hier, in Syrien, tagtäglich Menschen sterben? Wie kann ich Just for Fun shoppen gehen, wenn andere sich noch nicht mal das zum Leben notwendigste leisten können? Wie kann ich Spaß haben, wenn ich über das Wissen, die Mittel und die Möglichkeiten verfüge genau das zu ändern?

Dein Leben

Vor etwa einem Jahr lass ich dann das Buch: Buddhismus für Ungläubige von Stephen Batchelor.

Gebt euch nicht zufrieden mit Gehörtem oder mit Tradition oder mit überlieferten Legenden oder mit dem in alten Schriften Gesagten oder mit Mutmaßungen oder mit Schlußfolgerungen oder mit dem Abwägen des Augenscheinlichen oder mit dem Hinneigen zu einer Anschauung nach reiflicher Überlegung oder mit eines anderen Fähigkeiten oder mit dem Gedanken »Dieser Mönch ist unser Lehrer«. Wenn ihr für euch selbst wißt: »Diese Dinge sind zum Heil, ohne Makel, von den Weisen gutgeheißen, und wenn man sie annimmt und anwendet, führen sie zu Wohlergehen und Glück«, dann solltet ihr sie üben und bei ihnen bleiben… Der Buddha Kalama-Sutta

Ohne es mir bewusst zu sein, handelte ich, seit dem ich angefangen hatte Cannabis zu rauchen, nach den vier Wahrheiten. Ich beschritt bereits den beschriebenen Weg.

Der Buddha erklärt, wie er den Mittleren Weg fand, indem er die Extreme des üppigen Wohllebens und der Kasteiung mied. Dann zeigt er vier adelnde Wahrheiten auf: die der Angst, ihres Ursprungs, ihres Aufhörens und des Weges, der zu ihrem Aufhören führt. Die Angst, so sagt er, muß verstanden werden, von ihrem Ursprung muß abgelassen werden, ihr Aufhören muß verwirklicht werden, und der Weg muß geübt werden. Eben das hat er selbst getan: Er hat die Angst verstanden, er hat von ihrem Ursprung abgelassen, er hat ihr Aufhören verwirklicht und den Weg geübt. Nur aufgrund der Einsicht in diese Wahrheiten und des Wissens, wie man ihnen entsprechend handelt, und schließlich des Wissens, so gehandelt zu haben, kann er behaupten, zu »echtem Erwachen« gekommen zu sein.

Ich hatte Angst nicht mehr als das gesehen zu werden als der ich gesehen werden wollte. Ich hatte Angst alles zu verlieren was man besaß, Angst vor dem sozialen Abstieg, bei dem keiner mehr mit einem mehr etwas zutun haben will, weil man als ein Verlierer gilt. Angst keinen Spaß mehr haben zu können. Angst zu sterben ohne noch „etwas“ erlebt zu haben.
Der Ursprung der Angst war der gesellschaftliche Zwang. Man müsste eben gewisse Dinge tun, haben oder sein lassen. Geld verdienen war das große Gebot. Konsumieren auf Teufel komm raus. Geld für die sinnlosesten Dinge ausgeben. Viel Geld. Für viel sinnloses! Nicht zu konsumieren bedeutet kein Teil dieser Konsumgesellschaft mehr zu sein. Man würde als „anders“ angesehen.
Hat man kein Auto, gilt man als arm. Hat man nicht das neueste Gimmick, wird man nicht mehr akzeptiert. Geht man nicht wenigstens 10h am Tag arbeiten, gilt man als Sozialschmarotzer, weil man dann Geld vom Staat braucht. Ich selbst verzichtete auf so ziemlich alles, Urlaub, Freizeit, Familie, nur um möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Und es war nie genug, weil es immer noch mehr sein konnte.
Ich fing an plötzlich geizig zu werden. Geizig was Zeitverschwendung angeht. Da man die meiste Zeit mit arbeiten verbrachte, fing ich an dort anzufangen was mich dazu brachte viel zu arbeiten. Ich gab mein Auto weg. Das war das erste. Keine Kfz Steuer mehr, kein Interesse an Spritpreisen, keine ständige Parkplatzsuche, keine Staus, keine Strafzettel. Plötzlich hatte man so viel mehr Zeit! Unglaublich viel Zeit! So viel weniger stress. Mir wurde bewusst, wieviel Zeit man alleine mit Autos verbracht hatte. Eben all die ganzen Dinge die dazu gehören. Von dem Geld was ich sparte mal abgesehen. Ich fing an mein Konsum ständig weiter zu reduzieren. Ich fing an mir qualitativ hochwertiges und langlebiges zu kaufen. Ich wollte kein Teil der Müllhalde mehr sein. Ich lies mir Möbel vom Handwerk anfertigen. Kein IKEA oder anderer billiger Schrott den man sich regelmässig neu kaufen muss der dann doch nur wieder auf dem Sperrmüll landet.
Weniger machte mir mit einmal Spaß. Der Zeitgewinn war eine Erholung. Ich nutzte die Zeit mit nachdenken über mein Leben, was ich eigentlich überhaupt von diesem erwarte, wie es weitergeht. Und so fing ich an mich treiben zu lassen.

Ein Treinholz schwimmt im Strom des Lebens,
geht mit der Zeit, modern, zum Meer
und sucht doch jeden Halt vergebens
kennt nur das Wasser um sich her.

Der Fels ruht sicher auf dem Grunde,
ihm ist die Strämung einerlei,
denn alles Wasser gibt ihm Kunde
und fliesst von selbst an ihm vorbei.

Ich lernte zu begreifen was wichtig ist und was nicht. Das die Gier nach „Freundschaften“, Anerkennung, Respekt, nicht der Weg ist der zu Freundschaften, Anerkennung und Respekt führt. Dies kommt, wie ich erfahren konnte, von ganz allein. Ich erkannte, das 1000 „Freunde“ nicht soviel bedeuten wie 10 Freunde. Diese Freunde traten ohne zutun in mein Leben. Einfach weil man war wie man war. Es war eine erleichterung sich nicht verstellen zu müssen, so wie viele es tun. Freunde die ein sehr ähnliches denken und Leben haben wie man es selber führt. Dies vereinfacht wiederum die Kommunikation und das lernen. Helfen wird zur Normalität. Es ist keine Ausnahme mehr. Es macht Spass. Es macht auch Spass zu sehen wie das Leben anderer durch die Hilfe vereinfacht wird. Es macht Spass den Autoritäten den Wind aus den Segeln zu nehmen indem man den Menschen so hilft das eben jene Autoritäten kein Erpressungspotential mehr gegenüber denen haben. Es macht Spass zu verzichten um die Autoritäten zu ärgern. Ich versuchte anfangs auch meine Denkweise, meine neue Lebensweise anderen nicht direkt aufzuzwingen, aber doch klar zu machen, das deren jetziges Leben auf Dauer nicht zu Glück führen wird wie sie es erwarten. Doch damit hörte ich auf. Ich beschränkte mich darauf nur noch zu zeigen das man auch ein glückliches, zufriedenes Leben führen kann ohne anderen zu schaden. Das man alles haben kann was man braucht im Einklang mit der Natur und sich selbst. Das, wenn man aufhört zu gieren, es trotzdem einem an nichts mangeln wird. Das man Zeit im Überfluss hat. Zeit, die einem am Ende des Lebens ansonsten fehlen wird, wenn einem Bewusst wird, was das Leben so alles zu bieten hat. Zeit, die man für alles Geld der Welt nicht kaufen kann. Selbst die vertriebene Zeit holt man nicht wieder ein.

Am Ende des Lebens wird man feststellen das Zeit das wertvollste im Leben ist. Nun da ich dies festgestellt habe, macht man sich doch schon Gedanken über sein bisheriges Leben. Wieviel Zeit habe ich sinnlos vergeutet? Rückblickend gesehen eigentlich gar keine, denn alle Entscheidungen, jede Wahl ich im Leben getroffen habe, haben mich schliesslich hierher gebracht. An einen Ort, von dem ich noch vor einem Jahr gesagt hätte „Ihr seid doch verrückt!“ wenn mir einer gesagt hätte wo ich heute sein werde.

Rückblickend, würde ich jede Entscheidung, wie schmerzlich sie auch gewesen sein mag, wiederholen. Denn das Jetzt gefällt mir. Die Menschen die mich heute umgeben, mit denen ich Kontakt habe, sei es Real oder im Netzwerk, tun mir gut. Sie schaden mir nicht, weil sie selber wissen das man anderen keinen Schaden zufügen sollte, will man selber in Frieden leben.

Jetzt, in der Mitte meines Lebens, kann ich also zufrieden sein mit meinem Leben. Es war und ist erfüllt von Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Stabilität. Meine Ideen und Gedanken sind inzwischen auch reichlich im globalen Gedächtniss, dem Internet, zu finden und werden mit meinem Ableben nicht sterben. Sie sollen weder als Anleitung noch als Wegweiser dienen, sondern eine Inspiration sein die man in sein Leben integrieren kann. Ich selbst halte mich nicht für etwas besonderes, weswegen sie eigentlich für jeden brauchbar sind.

Die letzte Erkenntnis ist dann eben das unausweichliche: Der Tod. Diese Angst davor, nicht mehr zu sein, verfliegt dann ebenso. Klar würde ich gerne mal zu den Sternen fliegen, quer durch das All, zu sein wo keiner vorher war, das wäre schon ein Traum, der irgendwann vielleicht mal von einer späteren Generation verwirklicht wird. Von uns ganz sicher nicht mehr. Auch unsterblichkeit. Vielleicht wird irgendwann einmal ein Vater zu seinem Sohn sagen: „Damals hatte ein Fremder deinen Urgrossvater geholfen als dieser Hilfe brauchte und keiner ihm helfen wollte.“ Vielleicht wird dieser Sohn eine Erfindung machen, welche das Reisen zu den Sternen möglich macht.

Ich habe jetzt also keine Angst mehr zu sagen: Ich werde sterben.

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