DDR, Somalia und die USA

Ob man nach neun Monaten schon soviel über den Libanon weis das man vergleichen kann weis ich nicht, aber ich werde es einmal versuchen.
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Ich erinnere mich noch wie man mir Tage vor der Abreise hierher Angst gemacht hat. Nachbarn, Freunde, Bekannte. „Bist du verrückt? In den Libanon? Da ist es doch gefährlich! Dort gehen jeden Tag Bomben hoch, Menschen werden entführt und dann die Sache mit Syrien! Bleib lieber hier.“ sagten viele. Eigentlich alle. Man kannte den Libanon nur aus dem TV und sah ständig die Bilder des Bürgerkrieges der 80er Jahre. Zerbombte Häuser, kaputte Straßen und Rauchwolken von Explosionen. Der Film „Spy Game“ mit Robert Redford und Brad Pitt spielte zum Teil in Beirut dieser Zeit. Und ja, so war es damals auch. Doch das ist bereits wieder 30 Jahre her. Angst machte mir auch das keine. Genauso wenig wie der libanesische Film „Unter Bomben“ und der israelische Film „Waltz with Bashir“ welche den Krieg im Libanon zum Thema haben. Eigentlich sagte ich mir: Jetzt erst recht! Auf in ein neues Abenteuer!
Zugegeben, im Flieger sitzend und auf den Abflug wartend, spielte sich wieder Kopfkino ab. Ist es richtig? Was wäre wenn alle recht haben? Doch dann siegte die Lust neue Erfahrungen zu machen, den eigenen geistigen Horizont zu erweitern wie es Medien nicht können. Dann hob der Flieger ab und man ergab sich seinem Schicksal. Gespannt wohin es mich treiben wird. Ok, einen Zwischenstopp gab es in Istanbul. Dort noch einmal in der Businesslounge den Komfort und Luxus genießen bevor es in die Armut und den Dreck des Libanon geht.
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Istanbul, Bosporus bei Nacht

Landeanflug Hariri International Airport Beirut
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Um 22:45 Touchdown! Beirut bei Nacht und von oben ist einfach Wahnsinn! Herzlich Willkommen im Libanon. So fühlt man sich bereits an der Passkontrolle. Pass auf, Stempel rein, fertig. Am Ausgang warteten bereits die Brüder von Cheffe und begrüßten einen auf deutsch. Na toll. Man verlässt Deutschland und wird auf deutsch begrüßt. Die Welt muss ein Dorf sein.
Dann ging es auf in die Bekaaebene. Über den Mount Libanon, ein riesiges Gebirgsmassiv mit 3.000m wieder runter auf 900m, vorbei an solarbetrieben Strassenlampen, zwei Kontrollpunkte, die es überall gibt und an denen man ohne Probleme durchkommt. Ist anfänglich natürlich schon ein komisches, ungewohntes Gefühl. Die Fahrt dauerte ca. Eineinhalb Stunden und man sah außerhalb von Beirut nicht viel von der Gegend. Im neuen Zuhause angekommen, natürlich gleich ab ins Bett. Doch dafür erwartete mich am nächsten morgen dieser Anblick:

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Da war ich also. Libanon. Naher Osten. Kriegsgebiet. Doch es stellte sich kein mulmiges Gefühl ein. Es war ehr ein Gefühl von Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Heimat. Als würde ich genau hierher gehören. Geboren in der DDR, ’89 in Leipzig die Wende hautnah miterlebt, jetzt im Libanon zuhause. Der familiäre soziale Zusammenhalt der DDR fiel mir sofort auf, die Gastfreundschaft, die wirklich kein Klischee ist sondern gelebt wird, soll heißen; man kann keine 100m laufen ohne nicht irgendwo auf arabischen Kaffee, Tee und Früchte eingeladen zu werden. Das alles ist hier so normal, das es einem als deutscher schon wieder fremd vorkommt weil es etwas ist, das man in Deutschland nicht erleben wird. Man sitzt nicht vor dem Haus und redet mit den Nachbarn, Freunden und fremden, sondern sitzt auf dem Sofa und lässt sich verdummen. Ja, das war etwas was ich nach der Wende ’89 vermisst hatte. Was sicher viele vermissen.

Ich sollte mir in den ersten paar Monaten erstmal in Ruhe den Libanon anschauen, die Mentalität kennenlernen und mich akklimatisieren. Und so fuhr ich durch die Gegend, rauf auf die Berge, die bis Juni noch schneebedeckt sind und an die Küste mit ihren alten Städten. Sehr alten Städten! So alt, das selbst die Römer dagegen erst vor kurzen hier waren. Und das war vor 2000 Jahren!
Mit den Phöniziern fing die Kultur an. Siedlungen, Handel, Wein. So findet man überall im Libanon gelebte Geschichte. Offen zugänglich und berührbar. Geschichte, phönizische, römische, christliche, muslimische, armenische… Griechisch orthodoxe Kirchen stehen friedlich seit Jahrhunderten neben Moscheen. Nicht mit Prunk und protz wie man es aus Europa kennt, Köln, Wien, Barcelona als Beispiel, sondern demütig, allein dem Glauben gewidmet. Religion spielt sich hier zum größten Teil in den vier Wänden ab. Da wo Religion auch hingehört. Die Straße gehört dem Leben. Die Freiheit alles tun zu können und dürfen was man möchte, solange es keinem schadet. Ladenschlussgesetz? Fehlanzeige! Man öffnet und schließt wann immer man möchte. Führerschein? Fehlanzeige! Eltern bringen bereits den kleinen das Autofahren bei. Mopeds, Quads, jeder darf hier alles fahren. Die Polizei kümmert sich nur um die wirklich wichtigen Dinge, der Rest wird privat geregelt. Meistens gut, hin und wieder auch mal handgreiflicher, aber nie so bedrohlich das man Angst haben muss. Hin und wieder hört man von Schießereien in Tripolis, wo sich sunnitische Assad-Gegner und schiitische Assad-Anhänger das Leben schwer machen und man den Eindruck gewinnt, man wolle den Libanon in den Syrienkonflikt hineinziehen. Das Militär riegelt dann die Straßenzüge ab, wartet bis die sich gegenseitig außer Gefecht gesetzt haben, nimmt die Überlebenden fest und alle anderen die in dem Viertel Waffen mit sich führen. Und da ist das Militär radikal. Da macht man lieber was die sagen.

So gesehen gibt es hier Anarchie wie es in Wikipedia definiert wird. Anarchie wie in Somalia, wo es keinen gibt der Regeln festlegt. Die Regeln werden gesellschaftlich, sozial und familiär festgelegt. Ungeschriebene Gesetze quasi an die man sich hält weil sie sinnvoll sind und sich im Laufe der Jahre bewährt haben. Kontrollieren tun sich die Religionsgemeinschaften gegenseitig, sodas keine zuviel Macht bekommt, aber auch keine außen vor bleibt. Dies garantiert hier den sozialen Frieden. Was sich von der echten Anarchie unterscheidet, sind manche Religionsführer die aus sicheren Häusern, meistens Villen, heraus, ihre Anhänger zum Unfrieden aufrufen, weil ihnen wiedermal irgendwas nicht passt. Die Leute die dann daran Glauben werden dann wie Hundefutter verheizt, wie es jetzt die Hisbollah in Syrien tut. Dennoch ist die Wahrscheinlich bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden wesentlich größer als durch einen Gewaltakt. In jeder Religion wird Gastfreundschaft großgeschrieben. Wer nicht religiös ist, will dann meistens nur Spaß haben und hat recht wenig Lust in diesem Theater mitzuspielen, bei dem es um Menschenleben geht. Das fällt vor allem in Beirut auf. Der südliche Teil in der Nähe des Flughafens wird von der Hisbollah dominiert. Diese regelt dort zum Beispiel auch den Verkehr in der Rush Hour. Dennoch sieht man auch dort Frauen ohne Schleier, Kinder auf der Straße spielen und selbst Nachts braucht man keine Angst zu haben: weder als Frau noch als Tourist. Als deutscher sowieso nicht. Man darf eben nur nicht den arroganten Großkotz raushängen lassen.
Benimmt man sich dagegen als Gast, gewinnt man einen tief gehenden Einblick in das familiäre Leben der Libanesen und gewinnt viele Freunde. Das erinnert mich an eine Situation mit einer syrischen Familie. Da es im Libanon größtenteils keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, sondern alles von privaten Taxis und Bussen geregelt ist, sieht man am Straßenrand immer Menschen stehen die mitgenommen werden möchten. Meistens nur ein paar Kilometer, da die Mittagssonne hier im Sommer brütend heiss ist und laufen unmenschlich ist. Nun war ich auf der Rückfahrt von der Familie von Cheffe nach Hause, was nur ein paar Kilometer sind. Gelaufen in ca. 30 Minuten. Ich hatte Zeit und nichts weiter vor, als am Straßenrand diese Familie stand. Ein Mann mit Frau und Tochter. Nun nehme ich immer mal welche bis an die nächste große Kreuzung mit, denn Angst muss man hier keine haben. Zum einen kennt man hier den „großen glatzköpfigen deutschen“, ich bin über 2m groß, zum anderen macht man das hier einfach so, Leute mitnehmen. Also hielt ich an, sie stiegen ein und ich fuhr los. Immer geradeaus bis an die nächste Kreuzung und dann immer weiter. Unterwegs versuchten wir miteinander zu reden. Wer öfters im Ausland ist weis, das dies immer irgendwie geht. So erfuhr ich, das es eine syrische Familie war die im Krankenhaus war. So ging das einige Kilometer. 35km waren es am Ende. Bei ihnen Zuhause angekommen wollte ich schon wieder weiter als ich noch von denen eingeladen wurde. Das übliche eben: Kaffee, Tee und Früchte. Dabei hatten sie selber so gut wie nichts und wollten mir noch Geld für Benzin geben was sie für das Taxi bereit gehalten hatten. Der Sohn hatte sich noch unaufhörlich bei mir bedankt das ich seine Familie hergebracht habe, was mir wiederum peinlich war, da helfen für mich selbstverständlich ist. Nach knapp einer Stunde bin ich dann wieder los. Mal sehen ob ich sie wieder sehe. Das Leben ist schon manchmal sehr kurios. Dabei hatte diese Familie noch Glück und lebt in einer Wohnung die ein Libanese vermietet. Hier in der Bekaaebene sind die Mieten noch recht preiswert, während sich die reicheren Syrier in Beirut Wohnungen mieten oder gar kaufen, was dort die Preise ständig steigen lässt. Die ärmeren hausen dann hier ein paar hundert Meter in selbstgebauten Hütten die sicher im Winter nicht das sind was man angenehm nennen kann. Europa interessiert das aber nicht die Bohne. Man muss sich hier selber helfen und dabei sind Großfamilien oftmals die einzige Rettung. Fotos von diesen Flüchtlingslagern mache ich schon aus Anstand nicht. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich vermute das das veröffentlichen ehr beschämend ist. Wenigstens dürfen die Flüchtlinge hier arbeiten und Geld verdienen und nicht wie in Deutschland zum Nichtstun verdammt werden. Und das tun und können die Syrier: Arbeiten. Weswegen hier im ganzen Libanon plötzlich überall gebaut wird auf Teufel komm raus. Manch einer würde es Ausbeutung nennen, andere wiederum nennen es Chance. Das ist der schmale Grad den man hier geht. 2006 als Israel den Libanon 33 Tage ununterbrochen bombardiert hat, „Unter Bomben“, sind viele nach Syrien geflohen und fanden dort Sicherheit. Und so lässt man die Grenze nach Syrien heute ebenfalls offen. Europa wird wieder erst reagieren wenn es hier im Winter die ersten Kältetoten gibt. Und vielleicht auch erst wenn die Zahl in die Tausend geht und die meisten Kinder sein werden. Und das obwohl die Regierungen bereits jetzt schon wissen das es so kommen wird. Unterlassene Hilfeleistung wäre in Deutschland eine Straftat. Mit dem Wissen das es Tote geben wird, ist das Mord.
Man ist, wie in einem kapitalistischen System, sich selbst überlassen. Du kannst hier tun was immer du willst, und das einfach und unkompliziert, solange du keinem anderen Schaden zufügst. Und Möglichkeiten gibt es hier genug wenn man nur anpackt. Im Grunde gibt es hier zwei Philosophien: die einen wollen Geld verdienen und stecken alle Zeit darein, die anderen arbeiten nur soviel wie nötig und genießen die Zeit mit Leben. Zeit und Geld. Und beide stehen sich nicht Wege. Man kann hier den amerikanischen Traum leben oder aber demütig sein und seine Zeit damit verbringen das Leben zu genießen. Zeit mit Familie verbringen, mit Freunden, philosophieren. Man kann hier die dicksten Autos fahren, so viele Hummer H3 wie hier habe ich noch nirgends gesehen, Lamborghini, Ferraris, Porsche. Mercedes und BMW’s sind hier die Volkswagen. Gleichzeitig kann man hier auch mit Autos fahren die, nimmt man europäische Standards, nicht mehr fahren dürften. Einen TÜV gibt es hier nicht. Keine GEMA. Keine Regeln die einem das Leben einengen.

Freiheit im Libanon
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Freiheit in Deutschland
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Im Libanon ist man noch frei und kann sich auch frei entfalten.
Im Libanon ist man willkommen.
Und wann kommt ihr?

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